Ätna
Ewigkeit
Die Niederung war mein Zuhause. Dort, wo sich der kleine Fluß durch die unberührte Landschaft mäandert, umringt von ehrwürdigen alten Erlen und Trauerweiden, deren zarte, dem Winde verfallenen Äste sich dem klaren Wasser zum Trinken entgegenneigen, wuchs ich auf. Ich kannte die Welt nicht anders. Es war ein ruhiges Leben, und auch wenn mir das tragische Dasein der Gegenwart bewußt war, blieb es doch hinter den Auen verborgen; und noch weiter hinter den Toren der Stadt. Alles tanzte zum Rhythmus der Jahreszeiten: Schneeglöckchen reckten ihre Häupter dem Frühling entgegen, Buschwindröschen und Schlüsselblumen folgten mutig, Vergißmeinnicht spiegelte den Maienhimmel auf den feuchten Uferwiesen, und Kornblumen läuteten mit ihrem Ableben die Zeit des gemalten Laubes ein. Dann kam der Winter. Ich sah die Schneeflocken fallen, spürte den eisigen Wind mir Röte auf die Wangen peitschen und wartete darauf, daß die Schneeglöckchen wieder zu tanzen beginnen. Das neue Jahr wurde in der Ferne mit Feuerwerk begrüßt und vor dem Kaminfeuer zog der Januar gemächlich an mir vorbei. Schnee und Frost im Februar waren nicht ungewöhnlich, aber als im März das Blumenorchester streikte und April und Mai noch immer unter einem weißen Leichentuch begraben lagen, legte sich meine Stirn allmählich in grobe Falten. Ich schnürte meine Wanderschuhe und stampfte durch den knirschenden Schnee in den Juni.
In einem Traum war mir eine Erhebung erschienen; nicht bloß ein Aufbäumen der Landschaft, sondern eine Erhöhung; ein Berg, den der Schnee fürchtete und dem Frost von fremder Art war: der Vulkan. So folgte ich dem Appell der Ferne und lief dem Herzen entgegen. Mein Hals streckte sich, als ich den Kopf in den Nacken legte und mein überwältigter Blick den Vulkan emporwanderte und die Zeit kurz stehenblieb. Der Thron der Erde wartete darauf, erklommen zu werden. Nicht mühsam, sondern beflügelt rannte ich dem Gipfel entgegen – obwohl mich bei dessen Anblick die Befürchtung packte, ihn niemals erklimmen zu können. Leichtigkeit füllte mich und schien mich die Hänge heraufzutragen. Oben angekommen, hielt ich die Hand über meine Augen, geblendet von der Schönheit des Vulkans. Sie. Vorsichtig wagte ich mich an den Krater heran und schaute gebannt in die glühende Seele des Berges hinein. Funken schlugen mir entgegen, aber statt mich zu verletzen, wärmten sie mein Herz im Strome des Höhenwindes. Die kühle Niederung war mir dort oben schlagartig fern und fremd geworden. Ich schritt an den Rand des Abhanges und rüttelte an meinen Wurzeln; zog sie mit ganzer Kraft aus den Wiesen des Tieflandes über die Flanke des Vulkans nach oben. Feinfühlig ließ ich die Wurzeln in den Krater hinabsinken. Während sie sich neu verrankten, zogen mich meine Augen in die Ferne: Hinter einer dünnen Decke aus Federwolken konnte ich dort aufkommende Träume lebendig mit der Zukunft verweben sehen. Ach, wie stand ich dort auf dem Ätna des Glücks! Wie hoch warf ich die Speere der Freude! Beinahe erschrak ich, als sie der roten Sonne entgegenflogen und es für einen Moment danach aussah, als würden sie Helios in die Brust treffen. Zeit gab es hier oben nicht. Beseelt von der Ewigkeit vergingen Tage im Augenblick und während ich glücklich die Augen schloß und mich von den Gefühlen berauschen ließ, suchten die Wurzeln Halt in den Tiefen des brennenden Kraters. Mir war, als würden sie mit jedem Meter fester mit dem Magma des Vulkans verschmelzen und zu einer Einheit zusammenwachsen.
Doch als ich dort auf dem Zenit thronte und die Funken um mein Herz tanzten, bemerkte ich nicht, wie die Speere erst langsam und dann immer schneller auf mich herunterregneten. Meine Verwundbarkeit witternd, schmolz die Glut die Illusion der festen Wurzeln in der Tiefe des Kraters. Losgelöst vom Glück und durchbohrt von den Speeren der Freude, stürzte ich den Abhang des Berges in die eisige Niederung herab. Und mit mir fiel auch die Sonne: als die Dämmerung die Farben der Welt wieder heimrief und das Land in dunkle Schatten warf, da wurde ich zu einem von ihnen. Die Sinne, die der Gipfel mir jahrelang beschert hatte, begannen zu frieren und als ich mich umdrehte, um einen letzten Blick auf den Vulkan zu werfen, da sah ich plötzlich, daß keine hellen Funken mehr über ihm sprühten. Dort unten, am Fuße des Berges, überkam mich die bedrückende Stille des toten Vulkans. Ich schrie laut auf! Aber kein Ton vermochte es meine Kehle zu verlassen. Tränen strömten den Abhang hinunter. Die Flut der Wehmut erfaßte mich und drückte mir die Luft aus der Lunge, als sie mich mit starkem Griff in die Niederung trug. Neue Krater hatten sich gebildet. Krater inmitten der Frostlandschaft, düstere Löcher neben den Weiden und Erlen … da, wo ich die Wurzeln entrissen hatte. Nun erst spürte ich die Kälte. Sie packte mich und legte sich wie eine zweite Haut auf meinen Körper, zitternd säte sie den Frost in meine Seele und hielt mich am Boden starr gefangen. Es war September und der Winter hatte noch nicht begonnen.

